Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Geschwister,

seit drei Wochen herrscht kaum 900 Kilometer von uns entfernt ein schrecklicher Krieg. Der völkerrechtswidrige Einmarsch in die Ukraine auf Befehl des russischen Präsidenten Putin hat entsetzliches Leid für Millionen von Menschen gebracht. Die Bilder von Angriffen auf die Zivilbevölkerung – offensichtlich ein Kriegsverbrechen – und vom tausendfachen Tod von Menschen sind kaum zu ertragen. Um wie viel furchtbarer ist es für die Menschen, die dies am eigenen Leib erfahren. Vor allem Frauen und Kinder sind nun auf der Flucht. Viele Menschen sind bereit zu helfen und Menschen aufzunehmen – in den Nachbarländern der Ukraine und bei uns. Das berührt mich sehr.

Auch viele unserer Kirchengemeinden sind längst aktiv und helfen geflüchteten Menschen in enger Abstimmung mit Kommunen und Kreisen. Gleichzeitig läuten in vielen Gemeinden die Glocken. Sie weisen hin auf das schreckliche Leiden der Menschen im Krieg und rufen zum Gebet. Ich bin von Herzen dankbar, dass so viele nicht wegschauen, sondern beten, protestieren und etwas tun.

Oft denke ich in diesen Tagen an den Monatsspruch für den Monat März aus dem Epheserbrief: „Hört nicht auf zu beten und zu flehen. Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen.“ (Epheser 6,18) In Interviews wurde ich seit Beginn des Krieges immer wieder gefragt: „Was nützt denn beten? Was können denn Gebete gegen Waffen ausrichten?“ Im Epheserbrief wird das Gebet selbst als eine „Waffe“ bezeichnet. Es wird in eine Reihe gestellt mit allem, was Menschen gegen Bedrohungen stark macht: Wahrheit, Gerechtigkeit, Glauben, Gottes Rettung und das Wort Gottes. Die Worte sind an Menschen gerichtet, die selbst um ihr Leben fürchten müssen. Auf die Fragen nach dem Gebet antworte ich deshalb: „Im Gebet bringen Menschen vor Gott, was sie bewegt, entsetzt, verstört, was ihnen Sorge und Angst macht. Und sie bringen ihre Sehnsucht nach Hilfe, nach Gerechtigkeit und Frieden vor Gott. Beten stärkt Menschen mit der Kraft Gottes. Diese Kraft erbitten Menschen für sich selbst und für andere Menschen, die in großer Not sind.“ Im Epheserbrief ist auch davon die Rede, dass die Kraft Gottes Menschen für das Evangelium des Friedens bereit macht. Ich bete in der Hoffnung, dass diese Kraft Gottes in dieser Welt wirkt – auch jetzt hier und heute. So bete ich für die Menschen in der Ukraine, dass der Krieg bald endet. Ich bete für uns, dass wir erkennen, was wir tun können – für den Frieden, für die Gerechtigkeit und für die Menschen, die jetzt Not leiden.

Es ist auch wichtig, dass wir darüber reden und debattieren, wie den Menschen in der Ukraine geholfen werden kann. Dabei geht es um friedensethisch sehr schwierige Fragen. Orientiert an der großen Friedensverheißung und dem Friedensauftrag Gottes haben aus christlicher Sicht alle Anstrengungen, die auf militärische Gewalt verzichten, absoluten Vorrang. Politische Mittel sind in der aktuellen Situation in erster Linie Verhandlungen und wirtschaftliche Sanktionen. Außerdem ist es nötig, den Kontakt zur russischen Bevölkerung aufrechtzuerhalten, wo immer dies möglich ist. Ziel allen Handelns muss sein, Eskalation von Gewalt zu vermeiden. Zugleich sehen wir auch, dass es Grenzen gibt, wenn ein Aggressor Vereinbarungen und Völkerrecht bricht, mit militärischer Gewalt agiert, tötet und so unendliches Leid über Menschen bringt. Wir sehen und hören, dass die Menschen in der Ukraine Unterstützung in ihrer Verteidigung brauchen und auf diese Unterstützung hoffen. Das hat der Bischof unserer polnischen Partnerkirche, Jerzy Samiec, in einer Ansprache per Video-Zuschaltung vor unserer Synode eindrücklich dargestellt. Dabei wurde das große Dilemma deutlich: Nicht zu unterstützen bedeutet ebenfalls schuldig zu werden. Als Christinnen und Christen sind wir herausgefordert, mit der Gesellschaft, in der wir leben, nach Wegen zu suchen, wie Gewalt beendet werden kann, so dass Menschen im Frieden leben können. Dabei ist es wichtig, dass wir unterschiedliche Meinungen auch in unserer Kirche aushalten und diskutieren. Und wir sind herausgefordert, zu helfen und das zu tun, was wir tun können.

Unsere Kirchensynode hat in Ihrer Tagung am 12. März beschlossen, den Flüchtlingsfonds der EKHN um eine Million Euro aufzustocken, um die Hilfe bei uns aber auch in der Ukraine und in den Nachbarländern zu unterstützen. Über die Webseite www.ekhn.de/ukraine können Sie sich über den Flüchtlingsfonds informieren. Die Seite führt Sie aber noch zu weiteren Informationen. Die Herausforderungen sind ja vielfältig. Wir sind gefragt in unseren Gottesdiensten und Gebeten, in der Seelsorge, in Gesprächen und friedensethischen Diskussionen und eben in der praktischen Hilfe für geflüchtete Menschen. All das in einer Zeit, in der wir die Pandemie immer noch nicht hinter uns gelassen haben. Wir haben die Webseite eingerichtet, um Sie in Ihrer Arbeit zu unterstützen. Außerdem haben wir einen „Koordinierungskreis Ukraine“ einberufen, der per E-Mail erreichbar ist: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Über diese E-Mail-Adresse können Sie gerne Fragen an uns richten oder uns auch Anregungen geben, wenn Sie weiteres Material oder Informationen benötigen. Dankbar sind wir auch für Erfahrungsberichte und Informationen aus den Gemeinden.

Für all Ihr Engagement danke ich Ihnen sehr und wünsche Ihnen Gottes Kraft und Geist in dieser bösen Zeit. Stärke Christus uns alle in der Hoffnung auf Gottes Frieden!

Mit herzlichen Segenswünschen

Ihr

Volker Jung                                                                

@ Foto: EKHN / Neetz